26.02.2004, KVP Schweiz

KVP-Präsident lädt zur Besinnung ein (Interview)

Den Staat von Schnörkeln befreien

In den 90er-Jahren machte Dr. Lukas Brühwiler-Frésey, Präsident der Katholischen Volkspartei, viel von sich reden - oft im Zusammenhang mit handfesten politischen Auseinandersetzungen. Nun wurde es ruhiger um ihn. Wir versuchten, dem Amriswiler Rechtsanwalt den Puls zu messen.


Dr. Brühwiler, letztes Jahr ohne grosses Aufsehen auf einer Nationalratsliste, dieses Jahr auf der Liste für die Thurgauer Grossratswahlen: Was treibt Sie, an Wahlen teilzunehmen?
Viele Menschen leben in einer sehr schwierigen Zeit. Es herrscht eine grosse Unsicherheit in der Gesellschaft, im persönlichen, im familiären und im wirtschaftlichen Bereich. Raffgier treibt die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Der Konkurrenzdruck wächst weiter. Zu viele Jugendliche sehen schwarz. Auf solche und andere bedrängenden Fragen muss die Politik Antwort geben, solange sie das Gemeinwohl zum Ziel hat und nicht kapitulieren will. Wahlen sind die ideale Gelegenheit, sich über das Erreichte Rechenschaft abzulegen und neues Blut in den Kreislauf zu geben.

Im November werden es 10 Jahre seit der Gründung der KVP Schweiz sein...
Ja, darauf dürfen wir stolz sein. Eine Tagesfliege jedenfalls ist daraus nicht geworden. Letztes Jahr haben wir die KVP St. Gallen gegründet, die heuer im Wahlkreis St. Gallen / Gossau mit zwei Kandidaten an den Kantonsratswahlen teilnimmt.

Aber der Start der KVP Schweiz mit den Streitigkeiten war doch etwas mühsam?
Zugegeben, das hätte man geschickter machen können. Die Streitkultur war wohl etwas zu hart. All das ist aber vorbei.

Wirklich? Ihre Formulierungen und Aeusserungen sind doch immer noch aggressiv - und eigentlich unchristlich...
Es stimmt, in der Wortwahl waren wir oft nicht wählerisch. Das hat sich geändert. Unsere Aufgabe ist es zwar, die Realitäten zu sehen, aber den Stimmbürgern doch positiv zu begegnen, die andere Meinung zu respektieren und praktisch brauchbare Vorschläge zu machen. Dass es in Zukunft gleichwohl noch zu gewissen Polarisierungen kommen kann, liegt bei einer Politik gemäss der katholischen Sitten- und Soziallehre in der Natur der Sache.

Nur die Wortwahl? Man hat Ihnen vorgeworfen, Ihre politischen Theorien hätten bisweilen antisemitische Untertöne?
Das behaupteten gewisse Anti-Patrioten mit abstrusen Argumenten und Verdächtigungen. Sie drangen damit aber nicht durch. Unsere Partei wuchs gleichwohl. Im Gegenteil. Ich bin beunruhigt über den zunehmenden Antisemitismus in der westlichen Gesellschaft.

Haben Sie es dafür auf das Kopftuch der Muslimas abgesehen?
Keineswegs. Der Islam wird sich an unserer Verfassung anpassen müssen. Das Kopftuch können die muslimischen Schülerinnen meines Erachtens weiterhin tragen. Wir unsererseits lassen die Kruzifixe in öffentlichen Räumen. Unsere Leitkultur muss christlich-abendländisch bleiben, was nicht ausschliesst, religiöse Minderheiten in ihrer Eigenart zu respektieren.

10 Jahre und also doch ein bisschen weiser?
Ich hoffe es.

Ihr neuestes Mailing trägt den Titel "Besinnung durch die 10 Gebote". Nicht zu religiös?
Keineswegs. Wir wollen uns bewusst auf die religiösen Wurzeln zurückbesinnen, um Distanz zu gewinnen zum heutigen Lifestyle. Damit wollen wir die Wähler zur Besinnung einladen. "Besinnung auf eine echte christliche Politik" lautet denn auch unser Wahlmotiv.

Leiseste Kritik an der katholischen Kirche und Sie treten auf den Plan als deren Verteidiger durch dick und dünn?
Der Schein trügt. Die kulturellen Leistungen des Christentums, aber auch der katholischen Kirche, sind zweifellos sehr beeindruckend. Zu ihnen wollen wir Sorge tragen. Dort aber, wo Kirchenvertreter versagt haben, gibt es nichts zu beschönigen.

Und wo genau?
Beispielsweise bei den sexuellen Verfehlungen von Priestern gegenüber Kindern und Jugendlichen. Solche Fälle schaden der katholischen Sache und indirekt auch unserer Politik, die sich auf die katholische Soziallehre abstützt.

Jetzt geht Ihre Partei mit nur einer Liste - im Bezirk Bischofszell - und mit Ihnen als einzigen Kandidaten in die Grossratswahlen: Ist das nicht eine etwas kleine Geburtstagsparty?
Keineswegs; das ist realistisch. Wir nahmen erst einmal - 1996 - an den Grossratswahlen teil und erreichten im Bezirk Bischofszell 2,5 %. Im vergangenen Herbst warteten wir mit guten Nationalratskandidaten aus vier Bezirken auf. Jetzt beginnen wir die Politik an der Basis neu, mit neuen Methoden und neuen Leuten. Im Bezirk Bischofszell geht es darum, mit konzentrierten Kräften das Optimum herauszuholen.

Mit dem Ziel?
Die christliche Politik zu verstärken und einen fairen Wahlkampf zu führen. Wenn wir das Resultat von 1996 erreichen, wäre das schön.

Aber jetzt haben Sie in der EDU einen neuen Konkurrenten?
Die Eidgenössisch-demokratisch Union (EDU) ist primär kein Konkurrent, sondern weist viele Schnittstellen mit uns auf.

Wo liegen Ihre politischen Schwerpunkte?
Ganz klar in der Lebensschutz- und Familienpolitik, in der Bildungspolitik sowie in der Steuerpolitik. Es gilt, sich überall auf die Kernkompetenzen zu besinnen, die tragfähigen Lösungen zu fördern und den Staat von allem Schnörkel zu befreien. So meine ich, muss beispielsweise auf die Neuauflage einer Mutterschaftsversicherung verzichtet werden. Analoges gilt für die Bildungspolitik. Damit ist für viele Politiker die Zeit des Schönredens vorbei. Das schadet aber auch nichts. Wenn der Staat nicht zu viel Geld hat, macht er auch weniger Dummheiten.

Was folgt als Nächstes?
Im Wahlkampf folgen beispielsweise Standaktionen. Viel wichtiger aber scheint mir mittelfristig, politisch gleichgesinnte Christen miteinander zu verbinden, um so die christliche Stimme in der Politik zu verstärken.


Interview: Charly Pichler

Das Interview ist in den Oberthurgauer Nachrichten vom 26. Februar 2004 erschienen und wird hier mit Genehmigung des Verlages Oberthurgauer Nachrichten veröffentlicht. Wir danken dem Verlag.

 

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