01.05.2005, Lukas Brühwiler-Frésey, Präsident KVP Schweiz

Ora et labora in der Familienwirtschaft

Der moderne Strukturwandel kommt an die Grenzen des Erträglichen. Die Folgen der Globalisierung wenden sich immer mehr gegen den Menschen. Die Wohlfahrtsindices der Schweiz stimmen nicht positiv. Raffgier breitet sich aus, bewährte Regeln der Ordnungspolitik wurden und werden laufend verletzt. Das Modell der Familienwirtschaft und die Orientierung an der benediktinischen Regel "ora et labora" können Wege in die Zukunft weisen.


Die Schweiz hat erstmals eine markante Sockelarbeitslosigkeit zu verzeichnen. Die Invaliditätsquote steigt rasant; jährlich erkranken 100'000 Menschen an Depressionen. Der Schweizer Franken verliert seit Jahren an Kaufkraft, halbe oder ganze Berufszweige verschwinden, die Macht der Weltkonzerne, der privaten Oligopole, aber auch die staatlichen Regulierungen, nehmen zu. Viele Kleinunternehmer und Arbeitnehmer leiden, wenige ziehen enormen Profit aus der Situation. Das durchschnittliche Volkseinkommen nimmt ab, und erhebliche Bevölkerungsschichten verarmen, weshalb die Sozialausgaben und die Staatsquote markant am Steigen sind. Die Selbstmordrate ist doppelt so hoch wie die Zahl der Strassenverkehrstoten. Die daraus entstehenden wirtschaftlichen Schäden werden auf 2.4 Milliarden Franken jährlich beziffert.

Die Analyse kann und muss jedoch tiefer gehen. Die Schweiz befindet sich in der Krise, gemäss offiziellem Vokabular in einem angeblich unaufhaltsamen irreversiblen wirtschaftlichen Strukturwandel. Der Ausgang dieses Strukturwandels ist völlig unabsehbar. Begleitet wird er von einem gesellschaftlichen und politischen Wandel, dessen Ende ebenfalls nicht absehbar ist. Die Ursachen für diese Veränderungen liegen in der Globalisierung.

Die Schweiz verliert an Wettbewerbskraft. Folge und Indiz dafür ist die Preispolitik. Der Preis ist zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor der Wirtschaft geworden, und die Schweiz steht unter dem Druck, ihre Preise zu senken. "Geiz ist geil", heisst das Schlagwort. Angesichts der zunehmenden Verarmung sind die Haushalte immer mehr auf tiefe Preise angewiesen, weshalb die Tiefpreispolitik auch in der Bevölkerung einen gewissen Rückhalt geniesst. Die Betroffenen sollten sich freilich fragen, warum sie in diese Abhängigkeit geraten sind. Wäre es nicht besser, sie hätten mehr Einkommen, um auch höhere Preise zu bezahlen? Hohe Preise sind Ausdruck einer wettbewerbsstarken Wirtschaft mit vielen positiven Folgen auch auf andern Gebieten als der blossen Preispolitik bei den Konsumgütern. Hohe Preise kann nur derjenige halten, der qualitativ hochstehende Produkte anbietet. Hohe Preise müssen daher das Ziel jeder Volkswirtschaft sein, denn sie sind Indices hoher Wertschöpfung und garantieren ein hohes Lohnniveau. Geiz ist gottlos, wie das Hilfswerk "Adveniat" es auf den Punkt gebracht hat. Mit Geiz und geilen Preisen kann keine nachhaltige Wirtschaftspolitik betreiben werden, abgesehen vom tiefen ethischen Niveau des Schlagwortes. "Unter dem Strich (...) vernichtet Hard-Discounting Wertschöpfung und damit in letzter Konsequenz auch Arbeitsplätze" (Torsten Tomczak, Universität St. Gallen). Warum also soll es das Ziel sein, das schweizerische Preisniveau auf jenes der EU hinunterzudrücken? Warum in diesem Bereich eine Anpassungsstrategie fahren?

Vom Erfordernis der Wettbewerbsattraktivität der Schweizer Wirtschaft her gesehen muss eine Differenzierungsstrategie eingeschlagen werden. Schweizer Produkte sollen sich sowohl hinsichtlich Preis wie Qualität von EU-Produkten klar unterscheiden. Ziel einer innovativen Wirtschafspolitik muss es dabei sein, sich von fremden Produktionsbedingungen abzugrenzen. Für den internationalen Handel heisst das auf dem Grundmuster einer freiheitlichen Wirtschaftspolitik, fremde Produkte unter klarer Kennzeichnungspflicht zwar gegenseitig zuzulassen (Cassis de Dijon-Prinzip). Es bleibt dann aber am Konsumenten auszuwählen, welche Produkte er bevorzugt.

Hinter einer solchen Differenzierungsstrategie muss eine ihr entsprechende politische und kulturelle Strategie stehen, denn Wirtschaft kann nicht wertfrei betrieben werden. Wo steht die Schweiz hier? Es fällt auf, dass die Schweiz auch im kulturellen Bereich ihre differenzierte Position in wesentlichen Bereichen aufgegeben hat. Erinnert sei an die verzerrte Holocaust-Auseinandersetzung, die Strategie der Zerstörung der Familie als Grundzelle der Ausbildung leistungsfähiger Menschen, die verfehlte Einwanderungspolitik, die dem Land vermehrt Gewalttätigkeit, Sozialkosten, Armut, Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Desintegration bringt. Mit der derzeitigen, in wesentlichen Teilen zerrütteten Gesellschaft kann auf die Dauer kaum nachhaltiges Wirtschaftswachstum generiert werden.

Viele Grundlagen der heutigen Entwicklung sind dem Land von aussen vorgesetzt worden. Der politischen Führung ist es mit dem Versprechen auf mehr Wohlstand gelungen, die Änderungen in Volksabstimmungen durchzupeitschen. Dies gibt ihr die Legitimation, die Entwicklung weiter voranzutreiben. Ziel ist die Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in den heute bekannten Formen der EU, der WTO und der UNO. In den Schulen werden die Strukturen der zukünftigen Weltgesellschaft klar aufgezeigt: zunehmende Mobilität, Beschleunigung der Entwicklung und Vereinsamung des Individuums durch Mediatisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Niemand weiss mehr genau, was die Gesellschaft zusammenhält, viele Menschen sind faktisch zu Sklaven geworden, weitgehend ohne eigene Entscheidungsbefugnis.

Manche Wirtschaftsvertreter erblicken in der Globalisierung gleichwohl den Anbruch des Paradieses. Ziel und Zweck der Globalisierung sind aber vielerorts tabu, eine Auseinandersetzung über die Frage, ob diese Globalisierung der Natur des Menschen überhaupt bekömmlich ist, findet kaum statt. Der Prozess soll angeblich unumkehrbar sein.

Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation ist der Zeitpunkt absehbar, wo das System kippt. Im Extremfall kommt es zu Revolutionen, im besseren Fall gelingt es, vor dem Kollaps Weichenstellungen vorzunehmen, welche das Schlimmste verhindern. Dazu bedarf es der Intervention des Staates, allerdings in einer anderen Richtung, als er dies heute tut, und im Blick auf eine andere Weltgesellschaft, als sie Ziel der gegenwärtigen internationalen Politik ist.

Folgende strategische Massnahmen stehen zu Diskussion:

- Ohne Staat und Ersatz der heutigen Regulierungen durch Erlass neuer, korrigierender Regulierungen ist eine Trendwende nicht machbar. Es ist eine wesentliche Aufgabe des Staates, die reinen, ausschliesslich am Preis orientierten Marktgesetze sozialverträglich zu machen.

- Die ungenügend qualifizierten Ausländerbestände sind durch eine entsprechende Einwanderungs- und Rückwanderungspolitik zu reduzieren. Die Personenfreizügigkeit nimmt den Einheimischen - allen Statistiken zum Trotz - Arbeitsplätze weg. Der Sozialtourismus wird weiter zunehmen, wenn nicht für Ausländer, die unsere Sozialsysteme überproportional benutzen, tiefere Leistungen und höhere Prämientarife geschaffen werden. Die Senkung der Sozialleistungen wird die Migration eindämmen.

- Internationale Vereinbarungen müssen vermehrt auf das Subsidiaritätsprinzip hin geprüft werden. An die internationale Gemeinschaft sind nur solche Aufgaben abzugeben, welche die einzelnen Staaten nicht zu erfüllen vermögen. Das heisst beispielsweise, dass die Schweiz nicht wegen ein paar international operierender Verbrecher dem Schengen/Dublin-Abkommen und damit einem unkontrollierbaren internationalen Datensystem beitreten soll. Der gläserne Mensch ist ohnedies bereits in Sichtweite. Das Projekt des genetisch registrierten Menschen steht vor der Tür und niemand schaut hin. Die Vorantreibung der europäischen Integration, das heisst die Abgabe von Souveränitätsrechten an die EU und internationale Organisationen, geschieht immer nach demselben Strickmuster: Die Politik schafft soziale Missstände und verspricht der Bevölkerung die Lösung dieser Missstände durch vermehrte internationale Zusammenarbeit. In der neuen Zusammenarbeit werden hernach neue, oft noch grössere Missstände geschaffen, die wiederum Anlass geben, die Integration voranzutreiben. Gerade die Sicherheitsaufgaben beispielsweise kann der einzelne Staat indes zufriedenstellend weitgehend selbst lösen. Die Integration muss daher am Subsidiaritätsprinzip ihre Grenze finden. Darin liegt gleichzeitig ein Profilierungspotenzial der einzelnen Gesellschaft.

- Dringend ist die Sanierung der Familien- und Bildungspolitik, um das Mass der gesellschaftlichen Desintegration der Gesellschaft zu reduzieren. Auch hier soll nicht das Prinzip der Gleichschaltung gelten, sondern dasjenige der Differenzierung und Profilierung, beispielsweise im Verhältnis unter den Kantonen. Das heutige Bildungssystem ist nicht in der Lage, genügend Innovation für den Wirtschaftsprozess sicherzustellen. Notwendig ist daher eine Enttabuisierung mehrere Themen, etwa der staatsbürgerlichen Ausbildung. Obwohl die Demokratie jene Staatsform mit den kleinsten Übeln zu sein scheint, zeigt sie in der Wohlstandsgesellschaft deutlich auch ihre inkompetenten Seiten. Das hässliche Gesicht der Demokratie ist historisch mehrfach belegt. Jesus Christus beispielsweise musste dieses Gesicht anschauen, als er durch Mehrheitsbeschluss des Volkes dem Kreuz ausgeliefert wurde.

Notwendiger denn je ist sodann eine Pädagogik des Lebens. Mittlerweile erkennen viele Menschen, dass die herrschende Abtreibungspolitik, aber auch die zunehmende Betreuung der Kinder und alten Menschen durch den Staat, unter Entlassung der Familien aus ihrer Verantwortung, zunächst und vor allem Sozialkosten und enorme Probleme bei der Finanzierung der Sozialwerke generieren - für eine prosperierende, nachhaltige Volkswirtschaft negative Voraussetzungen. Trotzdem sind viele Leute noch nicht bereit, die Konsequenzen daraus für die Zukunft der Schweiz zu ziehen. Der Tages-Anzeiger verlangte eine Entschuldigung von Papst Johannes Paul II. für seine Feststellung, dass die Demokratie nicht bloss zum Holocaust geführt habe, sondern auch heute Grundlage bilde, um neues, anderes, aber gleichwohl gravierendes Unrecht grössten Ausmasses hervorzubringen. So geht das wohl nicht. Vielmehr wäre es beispielsweise am Nationalfond, Projekte durchzuführen, die auch soziologisch nachweisen, dass eine Kultur des Lebens, die natürliche Familie und eine religiöse Grundhaltung des Menschen für den Fortbestand der Generationen, die Innovationskraft einer Wirtschaft und die Reduktion der Sozialkosten unverzichtbar sind.

Wettbewerbspolitik heisst daher profilierte Familienpolitik. Die aktuelle Politik geht auch hier noch in eine andere Richtung. Die Gleichstellung der Homosexuellenbeziehungen mit der Ehe beispielsweise nivelliert das Familienbild. Ehe und Familie verlieren an Attraktivität. Da Familie und Erziehung von Kindern eine weit anspruchsvollere Aufgabe sind als einen Job in der Wirtschaft zu verrichten, verzichten viele junge Menschen mangels schwindender Attraktivität von Ehe und Familie auf ein Familienleben und ziehen den Job vor. Folge davon ist, dass der westlichen Welt der genügende Nachwuchs fehlt - einer der Hauptgründe für die zunehmende Verarmung der Bevölkerung und den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit.

Auch im Bereich der Familienpolitik kann die Schweiz sich daher profilieren und Wettbewerbskraft gewinnen. Die Gesellschaft braucht weniger eine Wirtschaftsfamilie als vielmehr eine Familienwirtschaft, dass heisst eine Wirtschaft, die auf die kleinen leistungsfähigen, nachhaltigen Einheiten Rücksicht nimmt (vgl. Referat Dr. Lukas Brühwiler-Frésey vom 28. März 1996 "Die Familienwirtschaft - Modell der Zukunft").

- Dringend ist eine Neuordnung des Weltmarktes im Sinne einer neuen Weltwirtschaftsordnung. In einer solchen Ordnung hat sich das Preisniveau der Schweiz wie überhaupt der industrialisierten Ländern nicht zum Beispiel China und den Entwicklungsländern anzupassen, sondern diese Länder haben zu fairen Konkurrenzpreisen des industrialisierten Westens zu liefern, unter Einhaltung aller Umweltstandards, namentlich umweltgerechter Abgeltung der Transportkosten. Die Bandbreite der zulässigen Preise ist von einer Wettbewerbsbehörde festzulegen. Ähnliche Mechanismen sind beispielsweise bei der Steuerung des Liborsatzes innerhalb einer Bandbreite durch die Schweizerische Nationalbank bekannt. Mit einer derartigen Preispolitik erhalten die Drittweltstaaten für ihre Lieferungen gerechte, hohe Entgelte, die sie in die Entwicklung ihrer eigenen Volkswirtschaft investieren können. Die Zölle können aufgehoben werden, ohne dass es infolge von Discountpreisen zu massiven Strukturveränderungen innert kürzester Zeit kommt, und der Markt kann sich frei entwickeln. Dabei soll die Meistbegünstigungsklausel angewendet werden, das heisst, die Zulassung der Produkte eines Staates auf dem Inlandmarkt soll auch allen andern Staaten unter gleichen Bedingungen garantiert sein. Die Entwicklungshilfe des Westens kann bei einer solchen Preispolitik gedrosselt werden, weil eine so gestaltete Wirtschaftpolitik gleichzeitig die beste Entwicklungshilfe liefert. Wahr haben wollen das vor allem jene nicht, die in ihren geschützten Räumen sitzen, keinem Wettbewerb ausgesetzt sind und gleichwohl dem Volk einen laufend verschärften Wettbewerb und permanente Weiterbildung bis zur Erschöpfung und zum Bankrott der sozialen Verhältnisse predigen. Der Wettbewerb kann indes zu gross sein und den einzelnen Menschen oder ganze Gesellschaften überfordern und krank machen. An diesem Punkt ist die Entwicklung heute angelangt.

Das Profilierungspotenzial liegt daher darin, den herkömmlichen Fundamentalsatz "Global denken, lokal handeln" zu ergänzen mit einer Strategie des "Lokal denken, global handeln", denn Massstab einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik müssen das Individuum und die kleinen Sozialeinheiten sein, weil dort Wohlstand und Armut erlebt werden; dort und nicht in den Büros internationaler Organisationen sind die strukturellen Rücksichtslosigkeiten der globalen Wirtschaft erfahrbar. Dort finden sich die Massstäbe der goldenen Regel "Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu."

Zu überdenken ist in diesem Zusammenhang ein weiterer problematischer Auswuchs des Kapitalismus und Sozialismus: die Zinswirtschaft. Der Zins ist in der modernen Wirtschaftsordnung wesentlich dafür verantwortlich, dass "Wertschöpfung" ohne Arbeit durch übermässige Beanspruchung der natürlichen Ressourcen machbar geworden ist. Die katholische Kirche und ihre Soziallehre tun gut daran, ihre alte und bewährte, durch Enzykliken bestätigte Lehre der zinsfreien Wirtschaft zu aktualisieren und in ein neues Programm der Hoffnung, in eine neue Wirtschaftsordnung des qualitativen Wachstums einzubauen. Die Menschen warten darauf, denn die Raffgier der Konzerne und deren Manager hat die Grenze des Erträglichen überschritten.

- Dem Aufbau und der Entwicklung von Grosskonzernen, privaten Oligopolen und Monokulturen sind mittels Verschärfung des Kartellgesetzes Grenzen zu setzen, um die Nachfrage der Menschen vermehrt in umweltverträglichen, kleinräumigen Regelkreisläufen befriedigen zu können. Die Grösse von Organisationen ist auf das menschenverträgliche, transparente und kontrollierbare Mass festzulegen. Die Gefahren, die in anonymen Grossorganisationen und Monokulturen lauern, sind zu gross, um sie einigermassen kalkulier- und verantwortbar zu machen. Grosskulturen bringen enorme Abhängigkeiten für den Einzelnen mit sich, ein effektives System von Checks und Balances können sie meist nicht gewährleisten, sie schränken die Freiräume des Individuum massiv ein und ganze Regionen sind ihnen ausgeliefert, sodass bei Konkurs und ähnlichen Zäsuren solcher Organisationen ganze Regionen in soziale Not geraten können. Die modernen Strukturen haben vieles, was in der kommunistischen Planwirtschaft praktiziert wurde, übernommen. Der Arbeitnehmer ist zu einem Rädchen eines unüberschaubaren Systems geworden, obwohl er einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit - die Arbeit ist Teil seiner Persönlichkeit und wichtiger als das Kapital - einbringt. Arbeitgeber ist letztlich nicht der Unternehmer, sondern der Angestellte selbst. Der Angestellte selbst ist aufgrund seiner Existenz von allem Anfang an eine Arbeitsstelle, und der Unternehmer schafft keineswegs Stellen, sondern hat nur, aber immerhin, die wichtige Aufgabe, diese Arbeitsstellen im Hinblick auf ein Unternehmensziel zu leiten und zu koordinieren.

Ora et labora in der Wirtschaft
Der Ordensgründer Benedikt von Nursia hat im 6. Jahrhundert mit seinem Grundsatz "ora et labora" eine massgebende, der menschlichen Würde angemessene Wirtschaftsordnung vorgelegt. Der zitierte Grundsatz dient der Wirtschaftspolitik der KVP seit ihrer Gründung als Basis (vgl. Referat Dr. Lukas Brühwiler vom 6. September 1995 "Beten und Arbeiten - die Wirtschaftspolitik der KVP, insbesondere im Bereich der Einwanderung und Arbeitslosigkeit").

Der Grundsatz besagt, dass Jesus Christus am Arbeitsplatz und in der Politik nicht tabuisiert werden darf. Christus gibt das Mass für das richtige Arbeiten. Das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. hat mit seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten viel zur Enttabuisierung des Themas beigetragen. Der Papst glaubte öffentlich an die Realexistenz Christi in der Eucharistie, und sein Glaube, eng verbunden mit der Arbeit, war zweifellos eine Grundbedingung für die Erfolge dieses Papstes im sozialpolitischen Bereich.

Viele Bischöfe und Katholiken in hiesigen Landen glauben nicht mehr an die Realexistenz Christi in der Eucharistie. Folge davon ist die unmögliche Forderung nach einem gemeinsamen Abendmahl mit Protestanten. Glaubten sie an die Realexistenz, hätten sie Erfolge wie Papst Johannes Paul II. Stattdessen reden und streiten sie in aller Öffentlichkeit, wie wenn sie zu einem staatlichen Parlament gehörten. Ihre Fragen drehen sich im Kreis mit Differenzierungen, die niemand versteht und das Wesentliche nicht berühren. Sie geben damit alles andere als ein attraktives, profiliertes Bild der Kirche ab. Die KVP ruft alle diese Kreise zu einem Kurswechsel auf. Die derzeitige schweizerische Kirchenpolitik ist nicht profiliert, zeugt wenig von Unternehmenskultur und verhindert damit jeglichen Fortschritt in den wesentlichen Fragen der Politik.

Gemeint ist damit nicht, dass der Klerus sich nun in die Politik einmischen soll. Katholische Politik ist primär nicht Sache des Klerus, sondern der Laien; gleichwohl ist katholische Politik nur möglich auf der glaubwürdig vertretenen geistlichen Lehre der Kirche. Die KVP erfährt das am eigenen Leibe. Die Partei ist bislang klein geblieben, trotzdem wächst sie auf der Grundlage des "ora et labora" stetig. Dank des "ora et labora" hat sie als Mittelbetrieb überlebt und sich definitiv im Kanon der politischen Kräfte der Schweiz festgesetzt. Entgegen der meisten grossen Parteien erfüllt sie das für Parteien notwendige Konkurrenzparadigma. Sie schafft mittels echter Alternativen Konkurrenz im Meinungsbildungsprozess. Mittlerweile haben über 30'000 Personen die Internetseiten der KVP besucht, und es ist erfreulich festzustellen, wie die Gedanken, die dort formuliert werden, im Diskurs der Öffentlichkeit immer wieder Eingang finden. Der neue Papst mit seiner Demut und Schaffenskraft wird der Partei zusätzlichen Schub verleihen.

Die benediktinischen Klöster waren ebenfalls typische Klein- und Mittelbetriebe. Sie gaben das Mass einer optimalen operativen Betriebsgrösse an. Sie waren wirtschaftlich weitgehend selbständig, aber äusserst umwelt- und sozialverträglich. Die Unternehmenskultur unter ihnen war einheitlich, zum Teil in den Ordensregeln vorgezeichnet, zum grösseren Teil eingebettet in die Corporate governance der Gesamtkirche. Sie hatten damit ein unverwechselbares Profil, was mit ein Grund ihres Erfolges bildete. Mit solchen Strukturen kann auch heute noch ein erfolgreiches System geschaffen werden. Entscheidend ist dabei der konkrete Lebensvollzug an Ort und Stelle. Wie erwähnt, gehören das lokale und globale Denken und Handeln zusammen. Das "ora et labora" vereint beides und kann daher als eigentliche goldene Wirtschaftsregel bezeichnet werden.

Mit den aufgezeigten strategischen Massnahmen - sie entsprechen dem mittlerweile zehnjährigen Parteiprogramm der KVP - wird es möglich werden, langfristig, das heisst über mehrere Wirtschaftsgenerationen hinweg, den globalen Ausgleich zwischen Arm und Reich herzustellen. Die Realisierung solcher und ähnlicher Massnahmen bringt neue Hoffnung, bedingt aber ein Abkommen vom ökonomischen Glaubenssatz, dass der Markt ausschliesslich eine Funktion von Angebot und Nachfrage ist. "Das Sachziel der Wirtschaft besteht vielmehr in der dauernden und gesicherten Schaffung jener materiellen Voraussetzungen, die dem einzelnen und den Sozialgebilden die menschenwürdige Entfaltung ermöglichen" (Kardinal Höffner). Der Flexibilisierung der Arbeit, der fortschreitenden Arbeitsteilung, der dauernd steigenden Mobilität und dem lebenslangen Lernen ohne berufliche und familiäre Stabilität sind von der Natur des Menschen her Grenzen gesetzt, die nicht ungestraft überschritten werden können.

Voraussetzung der Hoffnung auf eine Änderung ist der Glaube, dass die Herrschaft Jesu Christi zwar nicht von dieser Welt ist, aber bereits hier sich ihre Geltung verschaffen will, wenn der Mensch ihr nur Raum gibt. Die Wirtschaft wird nicht von einer unsichtbaren Hand geleitet, wie der Nationalökonom Adam Smith glaubte, sondern von der sichtbaren Hand Gottes. Seine Herrschaft kommt immer wieder zum Vorschein. Besonders eindrücklich zeigte sie sich beim gewaltigen Erdbeben in Südostasien Ende 2004. Gott zog seine schützende Hand von dieser Region für eine kurze Zeit zurück, das Böse konnte durchbrechen und seinen Verwüstungszug antreten. Strukturen von Ausbeutung der Arbeit, von Luxus, Sex und Umweltzerstörung wurden innert Minuten vernichtet, die Revolution hatte ihre eigenen Kinder gefressen - an einem Weihnachtstag nota bene, wo nach göttlichem Auftrag ganz andere Dinge zu tun gewesen wären.

Die Welt ist eingeladen, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen und zu handeln, in der klaren Gewissheit, dass es sich um einen Kreuzweg handelt, an dessen Ende aber die Auferstehung und die Erlösung stehen.

 

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