28.10.2005, KVP Schweiz

Die Menschenrechte ticken in der Kirche anders

In der Auseinandersetzungen um die Causa Röschenz hat am 30. Oktober 2005 eine Tagung zum Thema "Das Kreuz der Kirche mit der Demokratie" stattgefunden. Die Redner kamen zum Schluss, dass bezüglich Menschenrechte ein "Reformstau" bestehe und die Kirche sich dem staatlichen öffentlichen Recht anpassen müsse. Die These ist unhaltbar und wurde einseitig behandelt.


Die Menschenrechtserklärungen und modernen Verfassungen sind von staatlichen Organen erstellt worden. Die Kirche hat diese Rechtsetzungsakte nie – weder teilweise noch ganz – übernommen. Das hindert die Kirche nicht, von Menschenrechten zu sprechen. Sie tut dies dann aber nach eigenem Recht. Dabei kann sie Inhalte der staatlichen Menschenrechte übernehmen, aber auch ablehnen und andere Inhalte formulieren.

Menschenwürde ist nicht gleich Menschenwürde
Besonders anschaulich kommt dies beim Begriff der Menschenwürde zum Ausdruck. Die Kirche anerkennt zweifellos das Recht des Menschen auf das Existenzminimum. Die Menschenwürde nach kirchlichem Verständnis umfasst aber viele Inhalte, welche das staatliche Recht nicht kennt: Verbot von Abtreibung, Genmanipulation, pränataler Diagnostik, In vitro Fertilisation und anderem mehr. Auch das Familienbild der Kirche unterscheidet sich bezüglich Stellung von Mann und Frau wesentlich von den modernen, staatlichen Familienbildern. Die Bischofssynode 2005 in Rom hat diese Sichtweise auf eindrückliche Art bestätigt. Ein weiteres Beispiel ist die Meinungs- und Pressefreiheit. Weder nach aussen noch nach innen können diese Freiheiten der Kirche so weit gehen wie in staatlichen Organisationen, weil allein gewisse Gedanken nach theologischem Verständnis bereits Sünde sein und den Lehrauftrag der Kirche gefährden können. Das schliesst nicht aus, dass die Kirche die Religionsfreiheit anerkennt, was im Übrigen seit Jahrhunderten und nicht erst seit dem letzten Konzil der Fall ist. Es kann jeder Mensch aus der Kirche austreten, der sich mit ihren Lehren nicht mehr identifiziert.

Am Beispiel der Missio canonica
Über den Inhalt des kirchlichen Rechts bestimmt allein die Kirche, da sie diesbezüglich vollständige Autonomie geniesst. Sie bedarf zu ihrer Existenz nicht der staatlichen Anerkennung. Die staatliche Anerkennung berührt dann die Autonomie der Kirche, wenn staatliche Organe glauben, über die Anerkennung Auflagen an die Kirche machen zu müssen in Bereichen, wo solche Auflagen dem Kirchenrecht widersprechen. Der Entzug einer Missio canonica an einen Pfarrer beispielsweise unterliegt keiner staatlichen Kontrolle, es sei denn, die Missio canonica sei Thema des staatlichen Rechts. In diesem Fall kann der Entzug der Missio von einem staatlichen Gericht überprüft werden. Das Urteil hat indes nur für das staatliche Recht Geltung, nicht für die Kirche und ihr Recht.

Nur Gutes bewahren, Neues aber aufbauen
Der moderne Staat mit seiner aus Sicht der Kirche oftmals degenerierten Rechtsordnung wäre auch gar nicht legitimiert, solche Auflagen zu machen. Das gesellschaftspolitische Leitbild der Kirche ist dem staatlichen mindestens ebenbürtig, wahrscheinlich klar überlegen. Geht der Staat mit seinen Auflagen zu weit, indem er beispielsweise die kirchliche Leitung eines Bischofs wesentlich behindert, muss die Kirche die Zusammenarbeit mit dem Staat aufkündigen und von einer Anerkennung durch den Staat absehen – um ihrer Freiheit und Mission willen. Dies führt zur Aufgabe von tradierten, zum Teil bis ins Mittelalter zurückreichenden Praktiken. Die Einmischung der zivilen Autoritäten war bereits damals nicht von Gutem. In einem solchen Prozess liegen enorme Chancen für die Weiterentwicklung der Kirche, indem beispielsweise von der schweizerischen Kirchturmpolitik und vom sprichwörtlichen Kantönligeist Abschied genommen, verkrustete Strukturen aufgebrochen und der Blick mehr auf die Weltkirche ausgerichtet werden können.

 

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