15.11.2005, KVP Schweiz

Bauernsterben: Deiss – der Teilzeitdenker

Angesichts des laufenden Bauernsterbens – ein Abbau von Arbeitsplätzen – schlägt Bundesrat Deiss gemäss einem Bericht des Tagesanzeigers vom 13. November 2005 den Bauern vor, sie müssten Teilzeitarbeit beginnen, beispielsweise halbtags einen Hof führen und halbtags als Rechtsanwalt tätig sein. Er begrüsst, dass der Discounter Aldi im schweizerischen Detailhandel Fuss gefasst hat, weil so die Margen der Detailhändler sinken, was den Konsumenten nur willkommen sein könne.

Deiss’ Überlegungen sind wirtschaftspolitisch eindimensional und ruinös. Die KVP fordert bessere Löhne für den Detailhandel und Massnahmen für den Erhalt einer gesunden, vielfältigen und eigenständigen Landwirtschaft.


Die Margen im Detailhandel sind bereits klein. Der Wettbewerbsdruck wird im Detailhandel zurzeit nicht mit kleineren Margen aufgefangen, sondern vorerst durch Abbau von Arbeitsplätzen und damit Erhöhung der sogenannten Produktivität. Ist dieser Bereich ausgereizt, drohen die Löhne zu sinken. Derweil wird in der Teppichetage kräftig weiter abgezockt. Die Gebrüder Albrecht in Deutschland – Inhaber der Discountkette Aldi - sind Milliardäre und die reichsten Männer Deutschlands, zahlen aber auch die unsozialsten Löhne. Angesichts dieser Situation muss vertretbare Detailhandelspolitik dahin gehen, bessere Löhne zu bezahlen und die Abzockermentalität einzudämmen.

Eine Familie – ein familiengerechtes Einkommen
Im Detailhandel wie in den übrigen Branchen sind mit Nachdruck im Sinne einer sozialen, familienfreundlichen Unternehmenspolitik familiengerechte Löhne zu fordern. Der Lohn an einen Familienvater muss so hoch sein, dass er genügt, um für den Unterhalt der Familie aufzukommen.

Die Konsumenten müssen bedenken, dass sie als Arbeitnehmer auch Produzenten sind. Die Deiss’sche Wirtschaftspolitik hat der Schweiz bislang immerhin 150'000 Arbeitslose beschert – und die Zahl ist wachsend. Berücksichtigt man die wachsende Zahl der Ausgesteuerten und Sozialhilfeempfänger, so sind in der Schweiz viele Hunderttausend Menschen ohne Arbeit. Die Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt kann heute oder morgen jeden Konsumenten treffen.

Ausserdem ist ein echter Wettbewerb zu fordern. Die Aldisierung der Detailhandelslandschaft lässt die nächste Fusion von Detailhandelsunternehmen voraussehen. Derartige Fusionen bringen in der Regel nicht mehr, sondern weniger Wettbewerb und lassen die Landschaft der Produzenten weiter verarmen.

Bauern – weder Fisch noch Vogel?
Den arbeitslosen Bauern schlägt Deiss eine Zweitbeschäftigung vor. Damit mutet er ihnen die Ausbildung und Tätigkeit in zwei Berufen zu. Dies wird den Bauern indes nicht gelingen, weil aufgrund der Arbeitsteilung der Spezialisierungsgrad in jedem Beruf sehr hoch ist und das Modell sich angesichts der Konkurrenz nicht rechnen lässt. Gegenüber der vollzeitlich tätigen Anwalts-Konkurrenz beispielsweise hat ein Bauer keine Chance. Deiss’ Vorschläge entspringen einem Teilzeitdenken, dessen Halbzeitwert sehr klein ist.

Pilgerreise zum Papst
In ihrer Not haben sich gemäss einer Mitteilung des KIPA vom 11. November 2005 der Schweizerische Verband Katholischer Bäuerinnen und die Schweizerische Katholische Bauernvereinigung in einem Brief an Papst Benedikt XVI. gewandt. Die Bauern-Dachverbände seien in grosser Sorge um die Zukunft der Bauernfamilien. Es gebe in jeder einzelnen Familie Anzeichen von Angst. Wegen der einfachen und selbstlosen Lebensphilosophie der Bauernfamilien werde die schwierige Lage der Berufsgruppe vielfach übersehen und die fehlende Zeit für die Pflege von religiösen und kulturellen Werten habe zur Folge, dass die Landwirtschaft nicht nur sozial langsam den Rückhalt verliere, sondern auch ihrer ethischen Werte verlustig gehe.

Realpolitik als Alternative
Die Reaktion ist berechtigt. Nicht übersehen werden kann freilich, dass die Bauern mit ihrer Unterstützung des Beitritts der Schweiz zur Welthandelsorganisation und zu den bilateralen Verträgen mit der EU nicht ganz unschuldig an ihrer desolaten Lage sind. Daran wird auch die Pilgerreise nach Rom nichts ändern können, geht doch die Politik des Vatikans eher auf Unterstützung der Politik internationaler Organisationen. Die Bauern sind daher gut beraten, alle Bestrebungen zu unterstützen, um die Schweiz aus der Welthandelsorganisation (WTO) und den bilateralen Knebelungsverträgen mit der EU zu lösen und zu einer gemeinwohlverträglichen Wirtschaftspolitik zu bringen. Die KVP arbeitet seit mehr als zehn Jahren an diesen Projekten.

Die KVP begrüsst es daher, dass die Bauern mittels europaweiter Demonstrationen und Lieferboykotte die Öffentlichkeit auf ihre Probleme aufmerksam machen.

 

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