25.11.2005, Thurgauer Nachrichten, KVP Schweiz

Interview mit dem Präsidenten der Katholischen Volkspartei zur Sonntagsarbeit

Am 27. November wird über die Sonntagsarbeit in Bahnhöfen abgestimmt.

Im Einverständnis mit dem Verlag publizieren wir ein Interview, das die "Thurgauer Nachrichten" mit dem Präsidenten der Katholischen Volkspartei geführt hat und am 24. November 2005 in den "Thurgauer Nachrichten" erschienen ist.


Herr Dr. Brühwiler, bereits heute arbeiten sehr viele Leute an Sonntagen. Falls die Abstimmung vom 27. November vom Volk angenommen wird, bekommen nur relativ wenig zusätzliche Personen die Erlaubnis, am Sonntag zu arbeiten. Weshalb also macht man so ein grosses Thema daraus?

Die Linke merkt, dass sie die Zusatzentschädigungen der Arbeitnehmer für Sonntagsarbeit verliert. Die religiösen Organisationen benutzten die Vorlage, um den Leuten zu sagen, dass man am Sonntag in die Kirche gehen und nicht dem Mammon dienen soll. Dann gibt es viele Leute – oft sind es die gleichen -, die den Sonntag als Ruhetag sehen, das Familienleben unterstreichen und weiteres "Lädelisterben" befürchten. Der Sonntag ist ein besonderer Tag, ein rares Gut, und viele gesellschaftliche Kräfte buhlen um diesen Tag für ihre Zwecke. Das war schon in der Vergangenheit so. Namentlich in der Folge der Aufklärung wurde an vielen Orten Europas am Sonntag wieder gearbeitet. Die Entwicklung konnte gestoppt werden. In der Nachkriegszeit hat der Sonntag aber wieder viel an Sonnenschein verloren. Manche Leute nehmen die Vorlage daher zum Anlass, um über grundsätzlichere Dinge nachzudenken.

Sie bezeichnen den "Konsum nach marxistischem Muster" als das einzige verbindende Element der modernen Gesellschaft. Warum das Wort "marxistisch"? Es sind doch gerade politisch links orientierte Kreise, die der Sonntagsarbeit skeptisch gegenüberstehen.

Der Marxismus ist ein Beispiel für eine ausschliesslich auf das Diesseits, vollständig materialistisch-wirtschaftlich ausgerichtete Gesellschaft, in der es keinen Sonntag, keine Familie und keine anderen sozialen Körper zwischen Staat und Individuum gibt. Karl Marx hat die fortwährende Umwälzung, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die Unsicherheit und Bewegung im allseitigen Verkehr vorausgesagt. In diesem Prozess stehen wir. Der Fall des eisernen Vorhangs und die Globalisierung haben dem Marxismus neuen Schub gegeben. Mit dem Links-Rechtsschema vermögen Sie diesen Prozess nicht hinreichend zu erklären. Es gibt auch Rechte und Linke, welche die Sonntagsarbeit unterstützen.

Wenn der Konsum das grösste Problem ist, wie könnte man dem entgegenwirken? Sollen die Menschen weniger konsumieren? Soll das Angebot reduziert werden? Muss man die freie Marktwirtschaft einschränken?

Die Marktwirtschaft darf niemals einfach frei sein, sondern muss sozial gestaltet werden in der sogenannten sozialen Marktwirtschaft. Die soziale Marktwirtschaft verfolgt nicht das Ziel, immer mehr und immer billiger zu produzieren und den Gewinn um jeden Preis zu maximieren. Ebenso wichtig sind die gerechte Verteilung der Güter und die gerechte Nutzung der Ressourcen. Hier besteht das Problem national und international. Bei einer gerechten Verteilung kann weniger Konsum mehr Wohlstand bedeuten. Mit Mindestlöhnen von 3'500 Franken zeigt beispielsweise der Detailhandel, wie die sozialpolitisch genehmigte Sklaverei aussieht. Trotzdem besteht hier Mangel. Die Esssucht, die Übergewichtigkeit, der Drogenkonsum in seinen verschiedenen Varianten, die Werbung, die Materialschlachten, die Abzockerei auf den Teppichetagen und vieles andere mehr sind Beispiele für den Überfluss.

In Ihren "Gedanken zur Sonntagsarbeit" schreiben Sie, dass der Sonntag zum "Tag der Beziehungskrisen" geworden sei. Zynisch könnte man darum folgern: Warum arbeiten die Menschen dann nicht besser sieben Tage in der Woche?

Das wäre wohl nur eine Verdrängungsstrategie. Bereits der heutige Arbeitsprozess überfordert viele Menschen, weil ihre grundlegenden geistigen Bedürfnisse zu kurz kommen, und dies groteskerweise, obwohl die meisten Werktätigen zwei Ruhetage pro Woche haben. Konsum kann unter diesen Umständen zu einer Ersatzhandlung werden, um das Problem der fehlenden Beziehungen, der Beziehungskrisen und der inneren Leere zu verdrängen. In solchen Fällen tauchen diese Probleme meist nur anderswo auf, beispielsweise in gesundheitlichen Beschwerden. Nach einer grossangelegten schwedischen Studie leidet rund ein Drittel der Europäer unter Depressionen. Daran ist die Ökonomiegesellschaft nicht unschuldig. Der Konkurrenzkampf wird immer schneller, immer brutaler, immer totalitärer. Während der tote Stoff veredelt die Stätten der Arbeit verlässt, werden die Menschen dort an Leib und Seele verdorben und degradiert. Fortschritt wird zum Rückschritt.

Von wem könnten Sie sich vorstellen, Hilfe zu erhalten, um den Sonntag arbeitsfrei zu halten? Die SVP ist für Sie zu kapitalorientiert, die Kirchen haben selber zur Entwertung der Werte beigetragen, den Linken geht es nur um die angemessene finanzielle Entschädigung, wie Sie schreiben. Haben Sie noch Hoffnung für unsere Gesellschaft?

Für die tagesnotwendigen Dinge kann der Sonntag nie ganz arbeitsfrei sein. Je mehr sich Menschen aber in eine Sackgasse hineinmanövrieren, umso mehr wächst die Hoffnung, dass sie sich daraus auch wieder befreien. Die 10 Gebote Gottes sind ein solches Hilfsangebot und Orientierungsmuster, namentlich das dritte Gebot "Du sollst den Tag des Herrn heiligen." Mit der Besinnung durch die zehn Gebote können wir eine positive Zukunft aufzeigen und hoffnungsvolle Politik betreiben. Not lehrt bekanntlich beten. Unmenschliche Strukturen haben auf Dauer keinen Bestand. Wir müssen an der Entschleunigung der Gesellschaft arbeiten, immer wieder versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen, am Arbeitsplatz, in der Familie, im politischen Leben, in der geistigen Arbeit. Dies kann meines Erachtens nur gelingen auf einer verlässlichen religiösen Grundlage.

Wagen Sie eine Prognose, wie die Abstimmung ausgehen wird?

Ich erwarte gesamtschweizerisch ein Ja zur Vorlage; weil ein kurzfristiger Nutzen vorliegt und die Gefahren nicht genügend realisiert werden. Die Hoffnung auf ein Nein ist trotzdem sehr begründet.

Im Kanton Aargau wurden die Ladenöffnungszeiten komplett liberalisiert. Ist das unsere längerfristige Zukunft? Mit welchen Konsequenzen?

Die Aargauer Liberalisierung könnte durchaus Schrittmacherfunktion einnehmen. Die Konsequenz ist die verstärkte Totalisierung des Marktes rund um die Uhr und die Beschlagnahmung wesentlicher gesellschaftlicher Kräfte durch Angebot und Nachfrage. Auf der Strecke bleiben die Beziehungen der Menschen zur Gemeinschaft und zu ihrem Schöpfer - wesentliche Elemente der Menschenwürde. Zu deren Sicherung reichen individuelle Arbeitszeitbeschränkungen und individuelle Ladenöffnungszeiten nicht aus; es braucht eine gesamtgesellschaftlich geordnete Aufteilung zwischen Arbeits- und Ruhezeit.

Geben Sie dem Christentum eine Zukunft? Wird uns der Islam oder eine andere Religion irgendwann dominieren? Wäre es auch möglich, dass wir als atheistische Gesellschaft zufrieden sein könnten?

Das Christentum hat allein schon von der Vorhersehung her Zukunft. Das schliesst nicht aus, dass der Islam, wenn die Entwicklung so weiter geht, uns zeitweilig dominieren wird, denn er ist religiös und politisch zurzeit vitaler als das Christentum. Die EU hat es beispielsweise nicht fertig gebracht, die Menschenwürde transzendental durch eine entsprechende Präambel in der Verfassung zu verankern. Ohne diese Verankerung bleibt die Menschenwürde Spielball der Willkür. Auch der Sonntag hat eine transzendentale Herkunft. Die Strukturen der modernen Gesellschaft sind bereits weitgehend atheistisch. Davon zu unterscheiden sind aber die Herzen der Menschen. Gerade infolge der gravierenden Fehlleistungen der Wirtschaft wächst das religiöse Bewusstsein in vielen, vor allem jungen Menschen, wieder. Das ist der Beginn des postmodernen Zeitalters.

Interview: Caspar Hesse

 

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