18.11.2006, KVP Schweiz

Politische Schlussfolgerungen aus den Ad-Limina-Besuchen: Option für die Armen und Option für das Leben: zwei Teile derselben Strategie

Anlässlich des Ad-Limina-Besuches der Schweizer Bischöfe und eines Teils der deutschen Bischöfe hat Papst Benedikt XVI. den Pflug tief in die Erde gesetzt. Anlass dazu gaben ihm die „Bedrängnis durch eine säkulare Kultur“ und der Gottesverlust in der Gesellschaft. Er wandte sich gegen eine Rosinenpickerei aus dem Glauben und widersetzte sich der verbreiteten Absicht, die Moral in zwei Hälften zu zerlegen und nur die eine oder andere Hälfte wahrzunehmen.

Der KVP kommen solche – politischen – Überlegungen von höchster Stelle sehr entgegen. Sie sieht darin eine Bestätigung ihrer Strategie.


Der Papst kritisierte in der ersten Rede vom 8. November 2006 implizite die gängige Sozial- und Entwicklungshilfe. "Werkrechtfertigung" und "Aktivismus" nennt er den Einsatz für die Menschen und die Welt, wenn es ihm an innerem Licht und der Beseelung des Ganzen mangelt.

Erste Botschaft
"Wo man nur Entwicklung vorangetrieben und der Seele nichts gegeben hat, schadet die Entwicklung. Dann kann man zwar technisch mehr, aber daraus werden vor allem neue Möglichkeiten des Zerstörens." "Wenn nicht mit der Entwicklungshilfe, mit dem Lernen all dessen, was der Mensch kann, was sein Verstand erdacht hat und was sein Wille ermöglicht, auch die Seele erleuchtet wird und die Kraft Gottes kommt, dann lernt man vor allem zerstören." Hier wie in der Katechese muss man zu den Glaubensinhalten kommen.

Zweite Botschaft
In der zweiten Rede – eine Predigt – vom 8. November 2006 ging es um das "Einstehen für die von Gott her kommenden, wesentlichen, tragenden Werte unserer Gesellschaft". Ohne dies kümmern sich Menschen nur um "Besitz und menschliche Beziehungen", und machen trotz allem "nie die Erfahrung Gottes", weil der Mensch ganz mit seiner eigenen Welt beschäftigt ist, mit den materiellen Dingen. Denken mit Jesus Christus "ist nicht ein intellektuelles Denken, sondern ist auch ein Denken des Herzens".

"Es gibt so viele Probleme (…), die aber nicht gelöst werden, wenn nicht im Zentrum Gott steht, neu sichtbar wird in der Welt, massgebend ist in unserem Leben und durch uns auch massgebend in die Welt hineintritt. Daran, denke ich, entscheidet sich heute das Geschick der Welt in dieser dramatischen Situation: ob Gott da ist – der Gott Jesus Christi – und anerkannt wird, oder ob er verschwindet."

Dritte Botschaft
Gemäss der dritten Rede vom 11. November 2006 dürfen wir uns nicht von den Diskussionen um die Frauenordination, Empfängnisverhütung, Abtreibung und ähnliche Probleme einfangen lassen, weil sonst die eigentliche Grösse des Glaubens gar nicht erscheint. Gott ist Logos und Amor. Vernunft und Glaube sind keine Gegensätze.

Es geht anderseits nicht an, die Moral gleichsam in zwei Hälften zu teilen. Der eine Teil sind die grossen Themen "Friede, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit für alle, Sorge um die Armen, Ehrfurcht vor der Schöpfung. Das ist zu einem Ensemble von Moral geworden, das gerade als politische Kraft auch sehr mächtig ist und für viele eigentlich den Ersatz oder die Nachfolge der Religion darstellt.".

Auf ein "gegenläufiges Gesellschaftsbewusstsein" stösst die Verkündigung der Kirche dort, wo es um die andere Hälfte der Moral geht, die oft sehr kontrovers von der Politik aufgegriffen wird: die Moral des Lebens und der Ehe. Man rechtfertigt Eingriffe mit "scheinbar grossen Zwecken", mit einem Freiheitsbegriff "als des Allein-selber-wählen-Könnens und der Nicht-Diskrimination". Die Unauflöslichkeit der Ehe ist "fast zu einer utopischen Idee geworden".

"Wir müssen uns darum mühen, die beiden Hälften der Moral wieder zusammenzubringen und deutlich zu machen, dass sie untrennbar zueinander gehören. (…). Nur dann kann es zu wahrer Gerechtigkeit und zu einer glaubwürdigen Friedensethik kommen." "Da haben wir eine ganz grosse Aufgabe vor uns: einerseits Christentum nicht als blossen Moralismus erscheinen zu lassen (…) und anderseits in diesem grossen Kontext der geschenkten Liebe dann auch zu den Konkretisationen schreiten, deren Grundlage uns immer noch der Dekalog anbietet."

Wie das zu geschehen hat, sagte der Papst den deutschen Bischöfen: Das eigentliche der Botschaft gegenüber der säkularisierten Welt sollten wir auf eine einladende Weise verkünden. Denn die Welt hat nicht Vieles zu sagen.

Die KVP nimmt die Botschaften zu Herzen
Diese Worte bestärken die KVP in ihrem politischen Programm. Die Partei stellt immer wieder fest, dass viele Leute entweder nur die eine oder die andere Hälfte der Moral vertreten und gegen das Ganze sind. So ist beispielsweise die "Volksinitiative für eine Solidaritätsabgabe", die aus Kreisen im Umfeld der KVP lanciert wurde, bei Personen, welche sich Empfängnisverhütung oder Abtreibung zu ihrem Thema machen, teilweise auf Ablehnung gestossen. Anderseits fand die Initiative auch dort keine Unterstützung, wo nur das "soziale Engagement" betont, die andere Hälfte der Moral aber ausgeblendet wird. Die KVP ist eine politische Kraft, die nicht das eine gegen das andere ausspielt, sondern den ganzheitlichen Auftrag wahrnehmen will. Wer nur die eine Seite vertritt, kann abends nicht mit ruhigem Gewissen einschlafen.

Für die Politik gilt, was der Papst für die Katechese formulierte: Es geht nicht nur darum, intellektuelle Kenntnis zu vermitteln, sondern einen intelligenten Glauben zu formen "sodass Glaube Intelligenz und Intelligenz Glaube wird".

Dazu gehören gewisse Umverteilungsmechanismen im Staat (Vergleiche Kompendium der Soziallehre der Kirche, Herder 2006). Die "soziale und politische Liebe" darf nicht übersehen werden; übermässige Gewinne einzelner Unternehmen sind einzudämmen (Seite 163 Kompendium), namentlich, "wenn es gilt, das Prinzip der Umverteilung in die Tat umzusetzen" (Seite 259 Kompendium). Die soziale und politische Liebe trägt dazu bei, "die Glaubwürdigkeit des Staates als eines Garanten sozialer Vorsorge- und Absicherungssysteme zu erhöhen, die vor allem zum Schutz der Schwächern bestimmt sind" (Seite 260 Kompendium).

Manche haben die Tätigkeit der KVP auf die Wahrnehmung der Option für das Leben eingrenzen wollen. Das war indes – wie die Programme der Partei von allem Anfang an deutlich zeigen – nie die Absicht und hätte den Anspruch auf katholische Politik unglaubwürdig erscheinen lassen. Die Option für die Armen gehört genau so zum Kerngeschäft der Partei wie die Option für das Leben.

Und leitete die Botschaften weiter
Gegen diese Einheit verstösst, wer seinen Auftritt nicht auf einladende Weise gestaltet. Dinge verkünden und tun, welche einseitig daherkommen und dem Verstand widersprechen, können nicht aus dem Glauben gerechtfertigt werden. Die Professionalität und das Aufzeigen des Nutzens für den Einzelnen gehören notwendigerweise zu jeder politischen Botschaft.

Das Gleiche gilt für die Empfänger von Botschaften, namentlich die Medien. Selektive Medienarbeit, die sich nur auf den einen oder andern Teil der Moral konzentriert – wie es gerne auch in der katholischen Medienlandschaft praktiziert wird, in der säkularen Medienlandschaft mit ihrem intoleranten Laizismus aber an der Tagesordnung ist – kann nur den Rosinenhändlern gefallen. Sie wollen den Zugang zu den sozialen Kommunikationsmitteln nach ihrem Gusto einschränken. Die Forderung nach freiem Zugang zu den Medien bleibt daher ein grosses Anliegen katholischer Politik.

 

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